Stadt, Land, Fluss. Die Suche nach dem perfekten Sein.

Ich kann sie immer noch nicht beantworten. Obwohl wir jetzt schon einiges ausprobiert haben. Und gerade jetzt wäre es wichtig.
Die Rede ist von der Frage nach dem richtigen Wohnort für eine Familie mit Kindern. Wo soll man wohnen, dass alle glücklich sind? Wo man allen Ansprüchen halbwegs gerecht wird; denen der Kinder, aber auch den eigenen. In der Stadt? Oder auf dem Land? Oder etwas dazwischen, bisschen Stadt, mit bisschen Land? Und wo gibt´s das überhaupt?
Ich weiß nicht, ob sich Eltern, die schon als Nicht-Eltern auf dem Land gewohnt haben, das Problem überhaupt je gestellt hat. Aber bei Stadt-Menschen mit Anhang oder in froher Erwartung, schleicht sich früher oder später das schlechte Gewissen ein. In etwa so:  „Oh, mein armer Max (stellvertretend für alle Städterkinder dieser Welt); jetzt muss der ständig über diese schlimme Kreuzung um zum Spielplatz zu gelangen. Dauernd muss ich mit. Der kann hier doch keinen Schritt alleine tun. Viiiiel zu gefährlich. Und dann diese komischen Menschen und überall Hundesch***e und Zigarettenstummel auf dem Gehweg (…).“
Dann ist man sich sicher, dass das Landleben viel mehr Vorteile bringt. Die gesunde Luft, viel Grün um einen herum, die Kinder gehen mittags nach Schule und Kita aus der Tür und kommen abends  müde vom Spielen mit vielen anderen Kindern aus Wald und Wiese. Man selbst hat einige ruhige Arbeitsstunden am Rechner verbracht, einen tollen Job nach dem anderen erledigt und sich hin und wieder in arbeitsfreier Zeit mit einer netten Bekannten zur Latte Macchiato verabredet. Manchmal trifft man sich abends spontan oder auch geplant mit einem befreundeten Elternpaar, deren Kinder natürlich mit unseren Kindern befreundet sind. Dann sitzt man bei einem Glas Wein und leckerem Essen zusammen, tauscht sich aus über die eigenen Kinder und Gott und die Welt. Nebenbei hat man in Gartenarbeit und Terrassenbepflanzung noch ein neues Hobby für sich entdeckt. Nun, soweit die Theorie.
Für uns war es so, dass die Stadt – in unserem Fall Berlin – uns viele Möglichkeiten und ein gutes soziales Umfeld bot. Die Treffen mit unseren Freunden (und Kindes-Freunden) waren gerne spontan und auf einer Wellenlänge. Aber es fehlte – neben der Nähe zur Familie – unseren Kindern das zu ermöglichen, was wir früher als Kinder hatten: Unsere Ruhe vor den beobachtenden, ständig besorgten Blicken der Eltern, wenn wir auf Bäume kletterten oder herausfanden, ob der Stier auf der Weide tatsächlich auf ein rotes Tuch reagiert. Und ich wollte nicht weiter zum Spielplatz pilgern, um dort mit einem, der anfänglichen Euphorie gewichenen, zunehmend leeren, auch gerne etwas verzweifeltem Blick am Sandkastenrand sitzen und Förmchen anreichen.  Und ab und an genötigt durch die Blicke der anderen Mütter eingreifen, wenn mein Kind mit dem Sandeimer eines anderen Kindes abhaut, das augenblicklich in Aufmerksamkeit erregendes Weinen verfällt. Nein, das wollte ich nicht mehr.
Und, wie durch Zufall, ergab sich ein gutes Jobangebot im Rheinland und für uns die ersehnte Option auf familiennahes Wohnen in alter Heimat. So ging es aufs Land, perfekt gelegen zwischen einer gut erreichbaren Stadt, dem Job und den Eltern in Reichweite.
Nun sind wir bald 3 Jahre hier. Die Kinder können altersbedingt auch hier nicht ohne Weiteres alleine auf die Straße und Kindergartenplätze sind für U3 Kinder auch eher rar. (Der „Große“ hatte erst mit 31/2 Jahren einen Platz).
Das spontan Freundetreffen gestaltet sich auch anders als erwartet. Man muss sie ja erst einmal finden und dann noch ähnliche Interessen haben. Das ist schwieriger als gedacht, denn so viele Orte, an denen man zusammentrifft, gibt es nicht. Hinzu kommt, wo Land ist, ist oft auch Besitz. Und wo Besitz ist, ist auch Arbeit am Eigenheim und dem dazugehörigen Grundstück. Da hat man hier nicht immer Zeit irgendwelche neuen, netten Bekanntschaften zu treffen. Unter der Woche fahren viele in die umliegenden Städte zur Arbeit, zumindest einer der Ehepartner, und am Wochenende pflegen sie Haus und Garten, zum Beispiel mit hier sehr beliebtem Rasenmähen. Der Eindruck ist, dass man sich da oft selbst genug ist.  Nette Menschen ja, aber Treffen selten. Daher Mangel an Austausch bei uns beiden Erwachsenen.
Unser Highlight mit den Kindern hier ist oft die Müllabfuhr, oder irgendein Baufahrzeug. Das wird dann vom großen Fenster aus genau beobachtet. Und ich bin wieder täglich unterwegs mit den Kindern; nicht wie in der Stadt auf dem Spielplatz. Hier ist es eher der kleine Wald nebenan, oder die Tour mit dem Laufrad am Fluß entlang. Gerade jetzt im Herbst ist es hier wunderschön, mit all den bunten Blättern. Gerne besuchen wir auch an den Wochenenden den nahegelegenen Bauernhof, mit Kühen, leckeren Eiern und Spielscheune. Nun, das ist netter und abwechslungsreicher als immer nur Spielplatz und man freut sich über frische Luft. Ja, wenn ich das so schreibe fragt man sich sicher, warum ich trotzdem unzufrieden bin, warum wir hier auf dem Lande dennoch nicht das Glück für uns gefunden haben.

Es sind wohl die fehlenden Optionen: rar gesäte Kinderbetreuungsmöglichkeiten und fehlende oder nicht genutzte soziale Treffpunkte. Und natürlich die Cafés; ich will mir eine Latte Macchiato kaufen können, wenn ich Lust dazu habe und zwar eine anständige. Nicht dass das ständig der Fall wäre, aber einfach nur die Möglichkeit ist mir wichtig. Das tolle Verkehrsnetz Berlins fehlt mir auch; hier ist man nur mit Auto mobil. Ja, und wie gesagt: in der Stadt war man eher bereit sich spontan mit uns zu treffen; zu Hause, aber auch gerne in Restaurant oder Kneipe. Kneipenkultur, Gastronomie, nach dem Einkauf auf dem Markt noch spontan ein Bier in der Sonne trinken. Das wird hier eben nicht so gepflegt.

Zusammenfassend bedeutet das für uns: Gepflogenheiten und Möglichkeiten der Städter gepaart mit ein bisschen Garten und Abenteuerspielplatz in waldähnlicher Grünanlage in Reichweite. Wer weiß, wo es so etwas gibt…

Tja und so habe ich bis jetzt immer noch keinen Plan. Aber eines weiß ich bestimmt: wo zufriedene Eltern, da zufriedene Kinder. Also, wir werden sehen,  wo wir als nächstes nach dem perfekten Wohnglück suchen.

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Ein Gedanke zu „Stadt, Land, Fluss. Die Suche nach dem perfekten Sein.

  1. Liebe Andrea, erstmal: danke für dieses schöne Blog und die ehrliche Schreibe. Hier komme ich wieder her. Und dann zum Thema: wir sind alle nicht allein. Viele denken drüber nach – sogar ich (http://www.stilhaeschen.de/?p=2012), die ich niemals aufs Auto angewiesen sein wollte, aber all die MÖGLICHKEITEN ja schließlich doch nie nutzt. Irgendwann wird’s passen, für alle. Bis dahin: is ja nur ne Phase! 🙂

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